Teil I – Im Schatten der Saat

Aprilus 1026, nördliches Hochstrom
Der Thalones, Grenzfluss zwischen Viranes und Hochstrom, roch nach Schmelzwasser und feuchter Erde, als Levy das letzte Mal zurückblickte. Hinter ihm lag Viranes. Vor ihm lag der Feind.
Waibel Erkenbrandt hatte die Überquerung auf die Stunde vor der Morgendämmerung gelegt, als der Nebel vom Wasser aufstieg und die Wachen am schläfrigsten waren. Zwölf Mann und Frauen wateten lautlos durch die seichte Furt, das Wasser eiskalt an den Schenkeln, die versiegelten Behälter hoch über die Köpfe gehoben wie Reliquien eines dunklen Heiligtums.
Levy war der letzte, der das andere Ufer betrat.
Er kannte die Gesichter seiner Gefährten gut genug, um zu wissen, dass niemand sprach, weil niemand sprechen wollte. Renata, die Bogenschützin aus dem Süden, kaute an ihrer Unterlippe. Sigmund, der breitschultrige Fährtenleser, hielt seinen Blick starr auf den Boden gerichtet, als könne er die Schwere der Behälter schon im Boden spüren. Matteo, der jüngste von ihnen, ein arturianischer Junge aus Britonia, der noch kaum Bart trug, atmete zu schnell.
Erkenbrandt hob die Hand. Halt. Lauschen. Nichts als Wald.
Sie bewegten sich tiefer ins nördliche Hochstrom hinein.
Die Behälter waren in Viranes nach genauen Anweisungen befüllt worden, die aus höchsten Kreisen stammten. Levy kannte die Namen, die dahinterstanden – Arcturus, der Befehlshaber, und Lucius Siegesmund aus dem Hause Leuengold, der Geldgeber, der Beschaffer, der Mann, der die richtigen Händler kannte und die richtigen Fragen nicht stellte. Über das Handelshaus Leuengold war alles geflossen: die Kontakte, die Substanzen, das Schweigen.
Was die Behälter enthielten, war Erkenbrandt erklärt worden, und Erkenbrandt hatte es Levy erklärt, weil Levy derjenige war, der die Platzierung übernehmen würde.
Stasbeneier. Versiegelt in Wachs, eingebettet in feuchtes Moos, lebensfähig auch nach wochenlangem Transport. Stasben – manche nannten sie Riesenheuschrecken, was ihrer wahren Natur nicht gerecht wurde. Sie wurden so groß wie ein Mensch. Sie fraßen Blut, wenn sie konnten, und Getreide, wenn sie mussten. In Schwärmen waren sie eine Naturkatastrophe.
Aber Stasben allein wären nicht genug. Nicht schnell genug. Eine natürliche Population brauchte Jahre, um auf die nötige Größe anzuwachsen. So viel Zeit hatten sie nicht.
Also gab es den Katalysator.
Levy hatte die zweite Komponente selbst in Händen gehalten, und er hatte dabei den kalten Griff der Angst gefühlt – ein Gefühl, das er selten kannte. Die kleineren Behälter enthielten Kokons. Gräulich-braune, ledrige Dinge, die sich bei Berührung warm anfühlten, als schlüge darin ein Herzschlag.
Magurodo.
Magieparasiten, spinnenartig, lichtscheu, im Kokon ruhend bis zur Aktivierung. In ihrer Heimat hatten die beiden Spezies koexistiert. Die Stasben jagten in Schwärmen, lärmend und unaufhaltsam. Die Magurodo hielten sich in ihrem Windschatten, angezogen von der Magie, die jedes lebende Wesen ausstrahlt, besonders aber die Magier mit ihren gebundenen Kräften.
Zusammen waren sie etwas anderes als die Summe ihrer Teile.
Aber es war ein Magier aus dem Umfeld des Hauses Leuengold gewesen, der die entscheidende Verbesserung entwickelt hatte: eine konzentrierte Lösung aus destillierten Stasbenpheromonen – der natürliche Schwarmduft der Weibchen, auf das Hundertfache aufkonzentriert. Vermischt mit einem zweiten Wirkstoff, der Levy nicht vollständig erklärt worden war, außer dass er magischer Natur sei und in enger Verbindung mit den Magurodo-Kokons stehe. Der Magier hatte es schlicht den Weckruf genannt: Sobald ein Kokon die Mischung absorbiere, setze er in seinem Inneren magische Energie frei – nicht die große, destruktive Kraft eines Rituals, sondern etwas Feineres, eine biologische Beschleunigung. Eier, die normalerweise Wochen zum Schlüpfen brauchten, würden in Tagen schlüpfen. Larven, die Monate zur Reife brauchten, würden in Wochen zur vollen Größe heranwachsen. Die freigesetzte Energie wirkte wie ein falscher Hochsommer – ein Befehl an die schlafende Natur: Zeit für ein Festmahl.
Man hatte es in den Bergen hinter Virra an einer kleinen Versuchsmenge getestet. Die Ergebnisse hatten niemanden beruhigt. Die Ergebnisse des Versuchs wurden vollständig vernichtet, aber sie zeigten das verheerende Potential des Plans.
Sie brauchten drei Tage, um tief genug ins nördliche Hochstrom vorzudringen. Erkenbrandt führte sie auf alten Wildwechseln, fernab von Dörfern und Straßen, durch Wälder, die noch nicht den Stempel des Krieges trugen. Hier duftete es nach Harz und feuchtem Laub. Vögel sangen. Es hätte friedlich wirken können.
Levy sprach wenig. Er beobachtete. Es war seine Art.
Er beobachtete, wie Sigmund die Baumkronen las wie ein Buch und immer wusste, wo die Sonne stand. Er beobachtete, wie Matteo nachts wach lag und die Sterne zählte, um nicht an das zu denken, was er trug. Er beobachtete Renata, die einmal, als sie glaubte, allein zu sein, kurz die Hand auf einen der Behälter legte – nicht liebkosend, eher wie jemand, der prüft, ob eine Wunde noch warm ist.
Am dritten Abend fanden sie die Stelle.
Ein altes Waldstück, dicht und feucht, nahe der Grenze der Ruinen des alten Talandor. Moosige Felsen. Ein kleiner Bach, der lautlos durch das Unterholz sickerte. Lichteinfall nur um die Mittagsstunde. Warm genug, um den Stasben günstig zu sein. Abgelegen genug, dass es Wochen oder Monate dauern würde, bis jemand etwas bemerkte.
Erkenbrandt gab das Zeichen.
Levy öffnete die Behälter. Zuerst die Wachssiegel der Stasben-Eier, vorsichtig, damit nichts zerbrach. Dann die Kokons, die er in das Moos und unter die Felsvorsprünge setzte wie jemand, der Setzlinge pflanzt. Zuletzt die Pheromonlösung, die er mit einem kleinen Tuch gleichmäßig über die Eier und die Kokons verteilte. Der Geruch war süßlich-scharf, fast betäubend, und verschwand schnell im Waldgeruch.
Für einige Herzschläge geschah nichts.
Dann – Levy war sich nicht sicher, ob er es sich einbildete – schien die Luft um die Kokons zu flimmern. Ein leises, kaum wahrnehmbares Pulsieren, als atme der Boden.
Er stand auf. Trat zurück. Nickte Erkenbrandt zu.
Die Truppe brach auf. Lautlos, schnell, keine Spuren. Den Rückmarsch hatte Erkenbrandt auf zwei Tage angesetzt, mit einem anderen Weg als dem Hinmarsch.
Levy war der letzte, der die Stelle verließ. Er blieb einen Herzschlag länger stehen als nötig und sah in den dunklen Wald.
„Verzeih mir“, sagte er zu niemandem. Oder zu allen.
Dann wandte er sich um und folgte den anderen in die Nacht.

Teil II – Die Saat geht auf

Junius 1026, nördliches Hochstrom, nahe der viranischen Grenze
Aerindel, Hauptmann des zweiten Banners der Hochstromer Garde, war ein Mann, der Präzision liebte.
Er liebte die Präzision gut geölter Rüstungsschnallen. Er liebte die Präzision taktischer Lagekarten, auf denen Wälder zu grünen Schraffuren wurden und Feinde zu Pfeilen. Er liebte die Präzision der Elfensprache, die für jede Nuance des Gefühls ein eigenes Wort bereithielt und für vage menschliche Redensarten keine Geduld aufbrachte.
Was er nicht liebte, waren Bauern.
Und was er noch weniger liebte, waren Bauern, die ihn mit Hirngespinsten über Riesenheuschrecken aufhielten und langweilten.
Es war drei Wochen her, dass die erste Klage bei seinem Lager eingegangen war. Ein älterer Hochstromer, Bauer aus einem Weiler nahe dem alten Talandor, hatte auf einem Knie die Zeltöffnung blockiert und mit zitternden Händen irgendetwas von menschengroßen Wesen erzählt, die aus dem Wald gekommen seien und das halbe Vieh des Dorfes in einer Nacht gerissen hätten. Dann ein zweiter Bericht. Dann ein dritter. Dann eine ganze Delegation.
Aerindel hatte sie alle empfangen, mit der Höflichkeit, die ein Offizier seiner Position schuldete, und hatte sie allesamt nicht geglaubt.
Er kannte die Bauern dieser Gegend. Tief religiös, stark dem Aberglauben verhaftet, aufgewachsen mit Ammenmärchen über Waldgeister und Fluchgeschöpfe. Dazu kam der Druck der Kriegssteuer, die sein Stab in den letzten Monaten eingetrieben hatte. Wer Vieh verloren haben wollte, ohne es nachweisen zu müssen, erfand einen Bestienschwarm.
Er hatte die Berichte zu den Akten gelegt.
Er hatte seine Befehle. Heute marschierte er.
Die Kolonne zog sich durch den Wald wie eine gut geölte Schlange: Elfengardisten an der Spitze in Formation, die leichten Bogenschützen flankierend, dahinter die Untotenhorde unter Kontrolle der drei Staatsmagier, die Aerindels Stab beigegeben waren. Knapp vierhundert Kombattanten, auf dem Weg zur viranischen Grenze, um den Druck auf Langspitz zu erhöhen und die dortigen Feindesbewegungen zu binden.
Es war ein Routinemarsch. Es gab keine Berge zu nehmen, keine Flüsse zu überqueren, keine feindlichen Linien zu durchbrechen. Nur Wald.
Aerindel saß auf seinem Pferd und dachte an daheim.
Seine Tochter Faelwyn hatte im vergangenen Herbst ihren ersten Bogen gespannt. Er hatte es nicht gesehen. Er hatte den Brief seiner Frau, der ihm das beschrieb, so oft gelesen, dass das Papier an den Faltstellen durchgescheuert war. Faelwyn, vier Jahre alt, zu groß für ihr Alter und eigensinnig wie ihre Mutter, hatte den Bogen falsch herum gehalten, aber darauf bestanden, es alleine zu versuchen. Das stand in dem Brief.
Aerindel konnte sich ihr Gesicht dabei vorstellen – diese Mischung aus Sturheit und Konzentration, die er selbst manchmal im Spiegel sah.
Der Krieg würde nicht ewig dauern. Das sagte er sich jeden Morgen.
Er würde nach Hause kommen, und Faelwyn würde ihm zeigen, wie weit sie den Bogen mittlerweile ziehen konnte.
Die Stille kam zuerst.
Aerindel bemerkte sie, weil sein Pferd sie bemerkte – ein leichtes Stocken im Schritt, die Ohren nach vorne, dann seitwärts. Das Tier presste den Kopf nach unten und schnaufte.
Die Vögel schwiegen. Das war das erste Zeichen, das er hätte ernst nehmen sollen.
Dann kam der Geruch. Süßlich, fast wie überreifes Obst, mit einem metallischen Unterton, der sich auf der Zunge festsetzte. Aerindel runzelte die Stirn. Er sah sich um. Der Wald sah aus wie Wald.
Sein Vordermann, ein Korporal namens Vorenthil, hob die Hand. Halt.
Dann hörten sie es. Ein Rauschen. Kein Wind – Wind rauschte anders, gleichmäßig, von einer Seite. Das hier kam von überall. Von unten. Von innen. Als zitterte die Erde unter einem Gewicht, das noch nicht da war.
Aerindel wollte gerade den Befehl für eine defensive Formation geben, als der Wald auseinanderfiel.
Sie kamen nicht aus einer Richtung. Sie kamen aus allen.
Aus dem Unterholz zur Linken, aus den Baumkronen, aus dem Boden selbst schienen sie zu steigen – Wesen, die Aerindels Verstand in der ersten Sekunde schlicht verweigerte einzuordnen. Menschengroß. Panzersegmente, braun wie totes Holz. Vorderglieder wie die einer Gottesanbeterin, zuckend, greifend. Grüne Augen, die kein Licht reflektierten und trotzdem zu leuchten schienen.
„Riesenheuschrecken? Riesenheuschrecken!“
Der Aufschrei kam von Korporal Vorenthil. Aerindel hörte ihn wie durch Watte.
Die Elfengardisten reagierten professionell. Formation. Lanzen vor. Die Bogenträger spannten.
Die Staatsmagier befahlen den Untoten anzugreifen – und die Untoten gehorchten. Sie liefen vor. Sie stießen auf die erste Schwarmwelle.
Und wurden überrannt. Sie fielen vor den scharfen Armen der Bestien wie Heu vor der Sense eines Bauern in der Erntezeit.
Aerindel verstand es in diesem Moment mit der Klarheit eines Mannes, dem jemand Eiswasser ins Gesicht schüttet: Die Untoten kämpften, weil sie kämpften. Sie hatten keinen Schmerz, keine Angst, keine Ermüdung. Aber sie hatten auch keine Masse. Die Stasben kamen in Hunderten. Vielleicht sogar in Tausenden. Jeder gefallene Untote wurde unter den Körpern der Schwärmenden begraben, ehe er sich wieder erheben konnte.
Der erste Totenbeschwörer schrie auf.
Aerindel drehte sich um.
Auf den Staatsmagiern saßen Dinge, die er noch nie gesehen hatte. Spinnenartig, lichtscheu, aber die Dunkelheit unter den Baumkronen gab ihnen genug Schatten. Sie bewegten sich mit einer Präzision, die nichts mit tierischem Instinkt gemein hatte – sie wählten. Sie wählten die Magier. Während die Stasben alles angriffen, was Wärme ausstrahlte oder in ihrem Weg war, gingen diese Wesen nur auf die, die Magie wirkten oder zu wirken versuchten. Als der zweite Staatsmagier einen Bannkreis zu sprechen begann, waren es drei dieser Kreaturen, die gleichzeitig auf ihn zusprangen, bevor er den zweiten Vers beendet hatte.
Der Kreis blieb unvollendet.
Aerindels dritten Magier sah er nicht mehr fallen. Er hörte nur den abgebrochenen Schrei.
Ohne die Staatsmagier waren die Untoten nichts als taumelnde Körper ohne Richtung. Die Stasben rissen sie auseinander mit derselben animalischen Wildheit, mit der sie auch die Gardisten und Schützen niedermachten.
Aerindel kämpfte. Er war ein guter Kämpfer – das wenigstens hatte der Krieg aus ihm gemacht, auch wenn er lieber Karten studiert hätte. Sein Schwert arbeitete. Sein Pferd brach unter ihm zusammen, und er rollte ab und stand wieder. Er rief Befehle, die niemand mehr hören konnte oder hören wollte, weil die Formation längst gesprengt war und jeder Überlebende nur noch eines im Sinn hatte.
Er fand sich am Ende in einer kleinen Lichtung, den Rücken an einem Felsen. Drei seiner Soldaten bei ihm, einer davon schwer verletzt. Das Rauschen des Schwarms war überall, aber für einen Moment – einen einzigen, unverständlichen Moment – drangen sie nicht vor.
Aerindel atmete. Sein Herz schlug zu laut.
Er dachte an den alten Bauern, der auf einem Knie seine Zeltöffnung blockiert hatte. Er dachte an die zitternden Hände. Er dachte an das Wort menschengroß und daran, wie er innerlich gelächelt hatte.
Er dachte an Faelwyn und ihren falsch gehaltenen Bogen.
Die Bestien kamen wieder.
Aerindel hob sein Schwert.
Er kämpfte bis zum Ende. Das war wenigstens das.

Teil III – Was wir gesät haben

Julius 1026, Viranes, Rebhain
Der Bericht war beeindruckend. Und schrecklich.
So viel Tod, Zerstörung und Leid in so wenigen Worten.
Drei Seiten. Saubere Handschrift, militärische Kürze, alles prägnant auf den Punkt gebracht. Zahlen. Schätzungen. Truppenbewegungen im nördlichen Hochstrom, die ausgeblieben waren. Versorgungslinien, die nicht mehr bedient wurden. Botschaften aus dem Grenzgebiet, abgefangen und entziffert, in denen hochstromer Offiziere vom Chaos im Hinterland schrieben, von Dörfern, die evakuiert werden mussten, von Ernten, die vernichtet worden waren. Der Druck auf die viranischen Linien hatte spürbar nachgelassen.
Arcturus hatte ihn zweimal gelesen und dann auf den Tisch gelegt, als könnte er ihn so auf Abstand halten. Lucius hatte ihn einmal gelesen und noch nicht wieder abgelegt. In seinem Mund schmeckte er bittere Galle. Der Bericht lag noch immer in seinen Händen, aber seine Augen bewegten sich nicht mehr.
Es war ein warmer Sommerabend. Irgendwo draußen vor dem Fenster lachte jemand.
„Unser Plan war ein voller Erfolg. Hunderte feindliche Soldaten tot, dutzende Staatsmagier ausgelöscht. Abertausende herrenlose Untote, die zusammen mit den Bestien, die wir brachten, das nördliche Hochstrom im Chaos versinken lassen. Ihre Logistik steht unter massivem Druck und nun müssen sie sich darauf konzentrieren, die Kontrolle über ihr eigenes Land zurückzuerlangen“, fasste Lucius den Bericht zusammen.
Nach einer Pause fügte er hinzu: „Das ist endlich eine Möglichkeit, Hochstroms tödlichen Würgegriff um Viranes zu lösen.“
„Doch dieser Sieg schmeckt bitter. Bitterer als ich dachte.“ Seine Stimme stockte.
Arcturus sah ihn an.
„Ich dachte, es wäre leichter“, kam es fast wie ein Flüstern aus Lucius‘ Kehle.
Stille.
„Wenn ich einem Feind auf dem Schlachtfeld gegenüberstehe, fällt es mir leicht, ihn niederzustrecken. Ich empfinde keine Freude an seinem Leid, doch das Töten berührt meine Seele auch nicht.“
Nach einer Weile fügte er hinzu: „Diejenigen, in deren Augen ich vor dem Tod Angst gesehen habe, hängen mir nach. Einem Feind von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten und ihn dann zu besiegen und zu töten, das hat eine gewisse Ehrlichkeit. Doch das hier? Tausende Unschuldige als notwendige Kollateralschäden in diesem schrecklichen Krieg billigend in Kauf zu nehmen – das fühlt sich anders an. Schwerer. Bitterer.“
Arcturus starrte durch Lucius hindurch und begann mit belegter Stimme seine Antwort: „Ja, es schmeckt bitter. Jedes einzelne verlorene Leben ist eine Tragödie.“
Nach einer Pause, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte, fuhr er fort: „Im Krieg werden Tragödien zu zermürbenden Zahlenspielen. Sich selbst für die eigenen Leute zu opfern, das ist leicht. Doch andere für die eigenen Leute zu opfern – insbesondere Unschuldige –, das ist schwer.“
Arcturus trank einen tiefen Zug aus seinem Weinkelch, als könnte der Wein den bitteren Geschmack von seiner Zunge spülen. Doch das konnte er nicht.
„Es muss schwer sein.“
„Und wir müssen es dennoch tun. Das ist die Bürde des Anführers. Wir opfern einen Teil unserer eigenen Menschlichkeit – wenn man so will, einen Teil unserer Seele –, damit diejenigen, die uns folgen, es nicht tun müssen. Gerade weil es so schwierig ist.“
Die Worte und die erdrückenden Gedanken an die unzähligen Toten hingen schwer im Raum zwischen ihnen. Die Luft war dickflüssig wie Eiter.
„Wie viele gerettete viranische Leben“, fragte Lucius schließlich, „stehen gegen wie viele ausgelöschte hochstromer Leben?“
„Nein“, entrann es Arcturus‘ trockener Kehle. „Wir haben nicht aufgerechnet. Wir haben entschieden, wen wir schützen. Das ist das Einzige, was ein Anführer wirklich entscheiden kann. Nicht, ob Leben ausgelöscht werden. Nur welche.“
Nach einem Moment der Stille fuhr er fort: „Wir sind im Krieg. In einem Krieg, in dem es um unsere totale Vernichtung auf der einen Seite und den Sturz der hochstromer Nekromantendiktatur auf der anderen Seite geht.“
„Wir haben uns entschieden, die unseren zu schützen. Und ich würde das jedes Mal wieder genauso entscheiden. Und dann den Preis dafür bezahlen.“
Lucius antwortete nichts. Er dachte an die zerstörten Dörfer im Bericht ohne Namen. An Ernten, die nicht eingebracht werden würden. An zahllose tote Menschen, die nur das Pech gehabt hatten, im falschen Fürstentum geboren worden zu sein.
Dann dachte er daran, dass er tief in seinem Herzen wusste, dass sie das Richtige getan hatten. Doch das milderte das übermannende Gefühl der Schuld nicht, das ihm das Atmen erschwerte. Das übermannende Gefühl der Schuld, das sie beide teilten.
Langsam und mit rauer, brechender Stimme raunte Lucius: „Ich habe den Preis unterschätzt.“
Dann hob er langsam und mit zitternder Hand seinen Becher.
Er versuchte sich zu sammeln, doch seine Stimme war immer noch rau und brechend, als er sagte: „Auf die, die wir nicht schützen konnten.“
„Auf die, die wir nicht schützen konnten. Und auf die, die wir noch schützen werden“, antwortete Arcturus.
Sie tranken. Kein Triumph. Keine Absolution. Nur zwei Männer, die wussten, welches Opfer sie am Altar des Krieges gebracht hatten. In einem Krieg, der noch viele weitere Opfer fordern würde.
– Ende –