Ein Brief von Darius an Arcturus

Plauenstein, im September des Jahres 1026 nach Nevenburger Zeitrechnung

An Seine Durchlaucht Arcturus Varus von Lauenbach, Erbgraf der Markgrafschaft Lauenbach im Königreiche Moris Luna, Komtur von Rebhain, Kommandant des Regiments Feuerlanze des Zwillingsordens, Dritter Paladin der Sareph, Hochrichter des Goldenen Avatars und Erster Richter des souveränen Protektorats Schwanensee auf Siofra.

Eure Durchlaucht,

wie Ihr bereits der Datumszeile entnehmen mögt, befinden wir uns gegenwärtig in der Stadt Plauenstein. Dieses »Wir« ist keine Anmaßung, sondern der dankbare Ausdruck der Tatsache, dass ich von jenen Menschen umgeben bin, denen ich es maßgeblich verdanke, Euch von diesem Orte aus schreiben zu können. Ihre Namen mögen Euch zum Teil überraschen: Neben meiner künftigen Gemahlin Isabell weilen Euer Knappe Josef aus dem Fischbachtal und mein alter Freund Grimbold vom Orden der Wächter des Heiligen Lichts an meiner Seite. Isabell und Grimbold, die Feuerlanze sowie ein weiterer treuer Gefährte, Alberich von Dalaran, haben wesentlich dazu beigetragen, dass ich Euch heute diese Worte senden kann.

Plauenstein ist – für den Augenblick – gesichert.

Allmählich lichtet sich auch der Rauch der Trauer, der in diesen Tagen über Marigolds Gemüt und dem meinen lag. So viel sei vorweggenommen: Die sterblichen Hüllen Ludewigs und Joaquims von Plauenstein wurden den heiligen Flammen der Herrin übergeben. Möge Sie über ihre Taten und Verfehlungen richten. Ich werde es nicht tun.

Doch ich greife den Ereignissen voraus.

Josef oder Thorius werden Euch von den verhängnisvollen Geschehnissen vor dem Feste der Drachen berichtet haben. Eurem Wunsche folgend – und nicht minder aus eigenem, brennendem Antrieb – versuchte ich, nach Plauenstein vorzudringen. Diese Reise endete jedoch in den Abfallgruben der Stadt: zerschlagen und vergiftet durch jenes unsägliche mineralische Gift, dessen sich der Feind allerorten bedient. Allein der Gnade der Herrinnen und meinem geliebten Bruder im Geiste, Thorius, verdanke ich, dass ich noch unter den Lebenden weile. Rückblickend muss ich erkennen, dass jene Ereignisse lediglich Vorboten des Kommenden waren und dass ich damals kläglich versagte.

Umso größer war meine Freude, als ich unlängst in den nördlichen Marschen auf eine Abordnung unseres Regiments traf – auf Menschen, die mir über die Jahre teuer geworden sind. Ihr mögt Euch fragen, was mich selbst dorthin führte, da meine Aufgabe doch weiterhin Joaquims Umtrieben galt. Die Antwort ist schlicht: Ich suchte nach Ludewig, der sich den Gerüchten zufolge in den Marschen aufhalten sollte.

Was wir fanden, war nicht Ludewig, sondern ein Abbild dessen, was sich an vielen Orten unseres Landes zeigt: ein verzweifeltes Dorf ohne Nahrung und Hoffnung; Bewohner, tief enttäuscht von den Göttinnen und der Obrigkeit; gepeinigt von marodierenden Banden, deren Taten aus der Not des nackten Überlebens geboren waren. Dass diese Banden im Namen meines Bruders handelten, war nichts als der verzweifelte Versuch, ihrem Tun den Schein der Rechtmäßigkeit zu verleihen. Glaubt mir, wir durchschauten dieses Possenspiel rasch und blickten hinter seine brüchige Fassade.

So standen wir, kaum eine Wegstunde vom Belagerungsring Plauensteins entfernt, im Weiler Finsterweiler – einer Ansammlung zerstörter Hütten und verwahrloster Äcker, sofern man in den Marschen überhaupt von Äckern sprechen kann. Am tiefsten erschütterte mich jedoch der Friedhof des Ortes. Ein Ort des Gedenkens war er wohl, doch fanden sich dort nicht allein Gräber. An den Bäumen hingen, gleich den Gaben eines Wunschbaumes, zahllose Botschaften auf feinstem Pergament. Die Menge der Bitten und Bekanntmachungen war erdrückend: Todesanzeigen, Vermisstenmeldungen und Fürbitten für geliebte Menschen. Viele waren alt, doch weit mehr jüngeren Datums – ein untrügliches Zeichen des Krieges.

Die greifbare Furcht der Bewohner vor uns – denn keineswegs sahen sie in uns Befreier –, vor den Banditen und vor dem Untod, der überall lauerte, sei es in Gestalt eines Schläfers oder eines Irrlichts, schien uns zunächst die dringendste Not. Diesen Menschen wenigstens einen Funken Hoffnung zu schenken, wurde unser erstes Ziel. Durch das gemeinsame Wirken der Priesterschaft, Isabell Ahlstroms unermüdlichen Einsatz und die Seelsorge unseres Bundesbruders, des Herrn von Dalaran, kehrten zaghaft Hoffnung und Vertrauen in die Marschen zurück. Marodierende Banden fanden eine neue Bestimmung und begannen sogar, Pläne für eine Zukunft zu schmieden.

Dass Isabell hierbei vermittelnd, Korporal Lovis richtend und der Herr von Dalaran seelsorgerisch wirkten, erfüllt mich mit besonderem Stolz. Der Herr von Dalaran beabsichtigt, vorerst in diesem Landstrich zu verweilen und gemeinsam mit weiteren Ordensbrüdern den Funken der Hoffnung zu nähren. Dies habe ich von ganzem Herzen befürwortet.

Während dieses längeren Ringens tauchten mehrere Steckbriefe auf – ohne ausgesetzte Summe und ohne erkennbaren Auftraggeber. Sie trugen die Bildnisse Ludewigs, Marigolds und meines. »Tot oder lebendig« lautete ihre einzige, unmissverständliche Botschaft. Ob sie aus Joaquims Hand oder aus jener der Hochstromer stammten, erschien zunächst nebensächlich; den wahren Grund sollten wir erst später erfahren.

Apropos Hochstrom: Seine Gegenwart war allenthalben zu spüren. Neben vereinzelten Angriffen niederer Untoter beunruhigte uns vor allem der Gedächtnisverlust eines Eurer Mannen. Nach langer Abwesenheit stieß der Gardist Brundall wieder zu seiner Truppe. Als wir seines Zustandes gewahr wurden, zogen wir die anwesenden Magier Grimbold, Alberich und Lohars zu Rate. Gemeinsam mit der Priesterschaft Maras und Sarephs gelang es, die Ursache aufzuspüren und die Urheber zu erkennen. »Schläfer« ist das einzige Wort, das Brundalls Zustand angemessen beschreibt. Die in ihm verankerten Kontroll- und Befehlszauber ließen keinen anderen Schluss zu. Den Göttinnen sei Dank konnten diese auf einen Ghul übertragen, gebrochen und bis zu ihren Verursachern zurückverfolgt werden.

Ihr werdet es bereits ahnen: Auch hinter diesem niederträchtigen Plan stand Hochstrom. In einer der in Brundall geweckten Visionen erschien das Antlitz eines Elfen mitten auf dem Marktplatz von Trutzwacht. Arvid, der inzwischen eingetroffen war, wurde unverzüglich unterrichtet. Ihr wisst selbst, dass diese Nachricht dort in den rechten Händen liegt.

Und wiederum ahnt Ihr richtig: Sowohl der Verlust einer beträchtlichen Zahl von Wiedergängern als auch die gekappte Verbindung zum Gardisten erregten die Aufmerksamkeit der Staatsmagier im Belagerungsring.

Die ersten unvermittelten Angriffe wurden von den unter Thorius versammelten Truppen zurückgeschlagen. In weiser Voraussicht befahl er daraufhin einen erweiterten Wachring, verstärkt durch die anwesenden Späher des Siebzehnten Regiments, damit jede Feindbewegung aus dem Plauensteiner Belagerungsring frühzeitig gemeldet werde.

Doch eine Frage blieb über allem bestehen: Wo, bei allen Göttinnen, war Ludewig?

Nach reiflicher Beratung blieb uns nur der Versuch einer magischen Suche. Welche Komponenten hierzu erforderlich waren, brauche ich Euch nicht zu beschönigen. Lohars und Grimbold entwickelten den Gedanken, aus Marigolds Blut und dem meinen eine Art Wegweiser zu schaffen, der uns zu unserem Vater führen sollte. Die Ritualmagie erwies sich grundsätzlich als wirksam – zumindest, wenn es galt, Marigold oder mich aufzuspüren. Bei Ludewig jedoch versagte sie. Die Visionen zeigten lediglich ein etwa handbreites Amulett in Gestalt einer Flamme. Dies konnte nur eines bedeuten: Die alte Spinne hatte sowohl unseren Blick als auch den des Feindes verhüllt, um unauffindbar zu bleiben.

In meiner Verzweiflung fragte ich Shazel, ob sie je von einem solchen Amulett gehört habe, denn seine Beschaffenheit ließ mich an unsere Göttin Sareph denken. Tatsächlich bestätigte sie meinen Verdacht. Als junge Nozalin hatte sie in einer Vorlesung davon vernommen. Ihre Erinnerung war unvollständig, doch eines meinte sie sicher zu wissen: Diese Amulette existierten nur als Paar – zwei und doch eins.

Marigold und ich berieten lange, wem unser Vater das zweite Amulett anvertraut haben mochte. »Vertrauen« wäre beinahe ein zu starkes Wort; vielmehr war es wohl der gegenseitige Respekt zweier Menschen, die einander als ebenbürtig erkannten. Ich weiß nicht, ob Ihr den Träger persönlich kennt: Es handelt sich um den Cellerar des Sareph-Tempels zu Plauenstein, meinen Onkel Diederich, der seit Jahren die wirtschaftlichen Geschicke des Tempels und vieles darüber hinaus lenkt.

Dieser Erkenntnis folgend standen wir vor einem neuen Hindernis: Diederich befand sich, von mindestens zwei Mauerringen abgeschirmt, im Tempel der Sareph. Zufall, Schicksal oder Fügung der Göttinnen – nennt es, wie Ihr wollt. Ein Händler, der wenig später Waren an die Dorfbewohner veräußern wollte, gab an, seine Vorräte aus den Beständen Plauensteins bezogen zu haben. Marigold führte ein zähes und kluges Gespräch, an dessen Ende sie ihm sämtliche Vorräte sowie eine Passage für höchstens drei Personen in die Stadt abgerungen hatte.

Was daraufhin geschah, erspare ich Euch im Einzelnen. Es genüge zu sagen, dass Marigold, Björn und Levi schließlich den Kontakt zu Diederich herstellten, wenngleich ihnen zahlreiche Hindernisse im Wege standen. Bis Diederich selbst unser Lager erreichte, war die Nacht vergangen und die Sonne kroch bereits wieder über den Horizont – nach Stunden zwischen Hoffen und Verzweiflung.

Dass die Staatsmagier uns aufgespürt hatten, war inzwischen offenkundig. Am Abend griff ein Todesritter des Feindes an, der nicht nur Tote erwecken, sondern auch den Willen Lebender bezwingen konnte. Nur durch die vereinten Kräfte Thorius’ und der Herrin Isabell wurde er zurückgeschlagen. Zunächst galt es nicht, das Wesen zu vernichten, sondern es einzukerkern um ihm Wissen zu entreißen. Damit, so viel ist gewiss, hatten wir die Staatsmagier des Ringes endgültig gegen uns aufgebracht.

Thorius und Arvid taten das einzig Vernünftige: Sie schworen alle Anwesenden auf einen harten Kampf ein. Neben der Feuerlanze stand uns eine Gruppe aurianischer Hopliten bei, die ich kurzerhand in Sold genommen hatte. Welche weiteren Verbündeten zugegen waren, wiederhole ich an dieser Stelle nicht. Mit Freude erfüllte mich jedoch, dass die vermeintlichen Banditen – durch beharrliche Worte allmählich ausgehöhlt in ihrem falschen Trotz – den Weg zurück in den Dienst des Hauses Plauenstein fanden und sich unserem Kampf anschlossen.

Der frühe Morgen brachte endlich den ersehnten Fortschritt: Diederich traf ein.

Alle Befürchtungen, die Ihr und ich gehegt hatten, erwiesen sich als wahr. Joaquim verhandelte mit dem Feind – nicht, um Plauenstein als Ganzes an Hochstrom auszuliefern, sondern aus nackter Gier nach Gold und Land. Weshalb, mögt Ihr fragen, war Hochstrom auf diesen Handel bislang nicht eingegangen? Die Antwort ist einfach: Sie wollten sicherstellen, dass Plauenstein führungslos zu ihren Füßen läge. Dafür verlangten sie die Köpfe all jener, die dies verhindern konnten – jener, die als Verräter gebrandmarkt gesucht wurden: Ludewig, Marigold und Darius.

Nicht einmal ich hätte meinem Bruder eine derartige Niedertracht zugetraut.

Diederich brachte uns den dringend benötigten Anhänger, mit dem wir Ludewig zu finden hofften. Zugleich versicherte er mir, in Plauenstein den Samen des Wandels zu säen: fort von Unterdrückung und Furcht, hin zu einer geordneten und lebenswerten Zukunft.

Kaum hatte er unser Lager verlassen, hielten wir mit den Priesterinnen Rat. Sie erklärten sich bereit, das Amulett aus dem Sareph-Tempel genauer zu untersuchen. Gemeinsam woben sie eine weitere Komponente hinein, die es mir erlaubte, Ludewigs Herzschlag zu spüren und aus seiner Stärke die Entfernung zu ihm zu ermessen.

Damit begann jener Teil unseres Aufenthalts in Finsterweiler, in dem sich die Ereignisse überschlugen. Wir besaßen nun einen Weg, Ludewig zu finden. Zugleich war mir klar, dass um jeden Preis verhindert werden musste, dass auch nur einer unserer Köpfe in Hochstroms Hände geriet. Und schließlich musste Joaquim so rasch wie möglich vom Sitz des Barons entfernt werden. Dass sowohl das Gespräch mit Ludewig als auch eine mögliche Begegnung mit Joaquim – vorsichtig gesprochen – in einen Akt Plauensteiner Erbfolge münden konnten, verschärfte die Lage. Der Kreis der Beteiligten musste daher klein bleiben.

Um es kurz zu machen: Das von den Priesterinnen veränderte Amulett führte uns geraden Weges zu Ludewig – und, wie unsere kleine Schar von Vertrauten bald erkannte, ebenso zu seinen Häschern, die mit Bogen, Schild und Schwert durch das sumpfige Unterholz jagten. War es eine Fügung des Schicksals, dass die Zeit, mochten wir auch noch so hasten, unerbittlich gegen uns lief? Als wir Ludewig fanden, war von seinen Verfolgern keine Spur mehr. Ein einziger Blick auf den blutigen, zerschlagenen Leib nahm uns jede Hoffnung: Unser Vater war tot – und enthauptet.

Wäre Thorius nicht so geistesgegenwärtig gewesen, die Göttin anzurufen und der Seele wenigstens eine Frage zu stellen, wäre alles vergebens gewesen. In der knapp bemessenen Zeit zählte nur eines: nicht, weshalb Ludewig die Stadt verlassen hatte; nicht, warum er Joaquim nicht selbst vernichtet hatte; auch nicht Marigolds brennende Fragen über ihre vermeintliche Verlobung. Die eine Frage, auf die alles ankam, lautete: Wie war er aus dem Palas der Burg entkommen, und welcher verborgene Weg führte hinein?

Wen mag es überraschen, dass die alte Spinne einen eigenen Geheimgang bis zur Mauer besaß? Mich nicht. Er war vor der ganzen Familie verborgen, und kein Zeugnis verriet seine Existenz.

Selbst der Geist schien sich nur auf zwei Dinge zu sammeln: Lage und Schlüsselwort. Mehr war ihm nicht zu entlocken. Verzeiht, dass ich es darin meinem Vater gleichtue und die Einzelheiten in diesem Briefe verschweige. Ihrer Brisanz wegen müssen sie bleiben, was sie sind: ein wohlgehütetes Geheimnis.

Marigold und ich erwiesen dem Toten die letzte Ehre und trugen den Leichnam eigenhändig nach Finsterweiler zurück. Ohne Aufhebens errichteten wir einen Scheiterhaufen. Dass in einem Augenblick der Unachtsamkeit und Trauer nicht noch ein weiterer Plauensteiner sein Leben verlor, ist allein Gardist Björn zu verdanken. Er streckte einen Armbrustschützen nieder, ehe dessen Bolzen die Sehne verließ.

Noch während die Flammen brannten, machte ich mich – nach kurzer Rücksprache mit Arvid und Isabell – gemeinsam mit Levi, Björn und Grimbold auf den Weg nach Plauenstein, um das Unvermeidliche zu tun: die Übergabe des Kopfes an Hochstrom zu verhindern und Joaquim das Handwerk zu legen.

Doch auch die Ereignisse, die sich zur gleichen Zeit in Finsterweiler zutrugen und von denen Isabell mir später berichtete, dürfen nicht unerwähnt bleiben. Unsere Gefährten sandten einen Lockruf in die Welt, anders vermag ich es nicht zu nennen, um die größtmögliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und den Feind von unserer kleinen Gruppe abzulenken.

Wie erfolgreich sie damit waren, zeigte die folgende Schlacht. Einer der Staatsmagier löste sich aus dem Ring, und es entbrannte ein Gefecht zwischen Verteidigung und geordnetem Rückzug. Wir waren übereingekommen, die Stellung aufzugeben, sobald der Druck der heranrückenden Schergen zu groß würde.

Doch sie standen fest. Keiner wankte. Keiner verzagte. Priesterinnen schrien ihren Zorn in die Welt, ehemalige Banditen fochten an unserer Seite, und mancher, der bis dahin nie das schale Geschenk des Todes ausgeteilt hatte, beschmutzte sich die Hände. Stellvertretend will ich die arme Valeska nennen. Sie wird die Welt fortan mit anderen Augen sehen.

Ja, der Staatsmagier fiel. Wenn ich den Berichten über den Kampf lausche, muss ich unweigerlich ein wenig schmunzeln. Alle beschreiben das Ende als lautstarke Auseinandersetzung zwischen dem Elfen und Isabell. Ich kenne den unbändigen Zorn der Paladina, zumal wenn er Staatsmagiern gilt. Dass ein Hammer die Sache beschloss, ist beinahe nur eine Randnotiz.

Der gellende Schrei, der sich aus Talons Kehle weit über das Schlachtfeld erhob, galt indes nicht dem Sieg, sondern einem weiteren schweren Verlust: Marigold war unbemerkt in die Hände des Feindes gefallen und verschwunden.

Was nun folgt, vermag ich nur mit einem einzigen Wort zu beschreiben: Stolz. Ich bin unermesslich stolz auf das, was wir in den vergangenen Jahren geschaffen haben, und dankbar, ein Teil davon sein zu dürfen.

Ein jedes Rädchen fand seinen Platz – ob Angehöriger der Feuerlanze, Diener der Kirche der Sune, Streiter des Ordens der Läuterung oder Mitglied unserer Priesterschaft. Nach allem, was mir berichtet wurde, war es, als hätte eine unsichtbare Hand sie alle zugleich gelenkt.

Gelenkt zu nur einem Zweck: Marigold zu finden, einen Plan zu ihrer Rettung zu fassen und ihn ohne Rücksicht auf das eigene Leben auszuführen. Was geschah, kann ich nur unvollständig wiedergeben, denn ich selbst sah lediglich das Ergebnis:

Marigold, zerschlagen vor dem Altar der Göttinnen, umringt von ihren Liebsten; Alberich, von seiner Magie ausgezehrt; Lohars und Isabell kaum minder erschöpft; und Urban, der Held von ihnen allen, dem es wohl vor allem zu verdanken ist, dass jeder den Rückweg fand.

Dass mein Herz, meine Seele, zum letzten aller Mittel in ihrem eigenen Repertoire griff, um die anderen vor der Magie und dem Zugriff der Hochstromer zu schützen, hat sie mir wohlweislich verschwiegen. Euch, so glaube ich, muss ich nicht erklären, was dies bedeutet.

Währenddessen in Plauenstein: Der Geheimgang war rasch gefunden. Mit Björn und Levi führte ich zwei junge Männer bei mir, deren Geschick in jener besonderen Art der Kriegsführung, die Heimlichkeit und Finesse verlangt, ihresgleichen sucht. Grimbold, der uns als Rückendeckung und letzter Ausweg folgte, muss sich wie an einer Leine geführt gefühlt haben, so lautlos lotsten wir ihn über Wehrgänge und durch die Flure der Burg.

Ich will Euch nicht mit allen Einzelheiten ermüden. Schließlich öffneten wir das Arbeitszimmer Joaquims im oberen Bergfried. Der Raum lag im Zwielicht, und mein Bruder saß allein an seinem leeren Schreibtisch. Nur ein einsamer Dolch und ein Becher standen vor ihm. Sein Lächeln, als er mir erklärte, er habe mich erwartet, vermochte ich nicht zu deuten.

Wie heißt es in den Werken der begabten Poeten? Den Kelch bis zur Neige leeren. Genau dies tat er. »Diesen Sieg gönne ich dir nicht«, sprach er, während er sich schwankend erhob und nach dem Dolch griff. Zunächst hielt ich sein Wanken für die Folge des Rausches. Dann erkannte ich, dass es – um im Bilde der Poeten zu bleiben – ein Schierlingsbecher gewesen war. Was folgte, einen Kampf zu nennen, wäre vermessen.

Joaquim von Plauenstein ist tot.

Doch blieb mir keine Zeit, dies zu begreifen. Wie Feuer brannte sich eine Nachricht Thorius’ in meinen Geist, getragen auf den Pfaden unserer Göttin selbst: Marigold war gefangen, und ich dürfe die Hand nicht an Joaquim legen, ehe sie gefunden sei.

Wut, Hass und unbändiger Zorn durchfluteten mich. Von dem einzigen Verlangen getrieben, sie zu retten, verließen wir den Palas. Joaquims Schergen hatten die Wege weitgehend versperrt; ein offener Kampf schien aussichtslos. Heimlichkeit und Finesse warfen wir in diesem Augenblick von uns und bahnten uns mit Dolch und Magie den Weg zurück zum Geheimgang. Einen Magus von Grimbolds Güte zum Gefährten zu haben, ist ein seltenes Geschenk. Unwillkürlich erinnerte ich mich an die Rückeroberung Rebhains und an seine entscheidende Rolle darin. Als die Übermacht uns beinahe hinwegspülte, zeigte sich aufs Neue sein Wert: Die zuvor in Finsterweiler vorbereitete Portalrune, die wir als Versicherung zurückgelassen hatten, erfüllte genau ihren Zweck.

Was wir dort vorfanden und wie groß meine Erleichterung war, habe ich Euch bereits geschildert. Die folgenden Feierlichkeiten zogen wie Nebel an mir vorüber; selbst Josefs Bericht über die Lage in Langspitz haftet nur bruchstückhaft in meiner Erinnerung.

Isabell fand die treffendsten Worte, als wir uns wenig später zur Ruhe begaben: »Die letzten Tage haben jeden von uns weit über seine Grenzen getrieben.« Ich möchte dem nur eines hinzufügen: Die Schmiede haben das Werkstück Feuerlanze vollendet. Eine schärfere, facettenreichere Klinge findet sich in den ganzen Mittellanden nicht.

Eingangs schrieb ich Euch, dass ich diesen Brief im Palas verfasse. Gestattet mir daher, auch die Begebenheiten des folgenden Tages festzuhalten. Josef möge sie Euch bezeugen, denn Worte allein werden ihnen kaum gerecht.

Zur frühen Stunde machten sich die bereits Genannten erneut auf den Weg in die Stadt. Als wir den Bergfried betraten, lag er verlassen vor uns. Die Spuren der Plünderung durch jene Ratten, die das sinkende Schiff hatten verlassen wollen, waren unübersehbar. In der Luft hing der Geruch von Blut, Schweiß und Unrat, vermischt mit den Zeugnissen des Kampfes, der hier in der Nacht getobt haben musste. Überall fanden sich verschlossene und verbarrikadierte Türen; keine Menschenseele durchschritt die Flure.

Auch der innere Ring lag verwaist. Josef bemerkte es zuerst: den unverkennbaren Geruch von Totenfeuern. Rasch drangen wir durch die offenen Tore in den mittleren Ring vor. Die nun sichtbaren Rauchsäulen wiesen uns unmissverständlich den Weg.

Vorsichtig betraten wir den großen Exerzierplatz, auf dem seit mehr als vier Jahrhunderten die Söldlinge übten. Ich gestehe, das Bild verwirrte mich. In der Mitte des Platzes brannten zahllose kleine Scheiterhaufen, genährt von den Trümmern jener Häuser, die der Krieg zerstört hatte. Auf jedem lag ein Leichnam. Freund, Feind oder Unbeteiligter – es war nicht mehr zu unterscheiden, denn im Tode waren sie alle gleich. Ein Mahnmal aus Feuer und Asche.

Ringsum standen die Hundertschaften, ausgedünnt im Vergleich zu früheren Tagen, manche Reihe schmerzlich gelichtet. Graue, leere Gesichter, von Kampf und Hunger ausgezehrt, blickten über den Platz. Mein Schritt stockte. Wie oft hatte ich diesen Ort betreten – die Knute in der Hand, maßregelnd, mit lauter Stimme. Drill, Disziplin und Ehrgeiz waren die einzigen Worte gewesen, die ich damals kannte.

Doch wer war ich nun, diese Stille zu stören? Wer war ich, mir anzumaßen, hier willkommen zu sein? Am Kopf der Karrees standen Korporale, Weibel und Hauptleute, sauber nach Rotten geordnet. In ihrer Mitte wartete ein Mann, begleitet von zwei Priesterinnen der Sareph, die über das Gedenken wachten. Das alte Gesicht, die Tonsur und die senkrechte Narbe am Halsansatz hätte ich überall erkannt: mein Onkel, Ziehvater und Mentor.

Er nickte mir wohlwollend zu, als wolle er mich ermutigen, den ersten Schritt zu tun. Der kräftige Stoß in meinen Rücken und die klaren Worte »Du wolltest diesen Weg – nun geh ihn auch zu Ende« kamen von Isabell.

Die Zeit des Zögerns war vorüber. Ich trat zwischen die Feuer. Erkennen, Gemurmel, Unruhe gingen durch die Reihen der Söldlinge. Viele kannte ich aus früheren Tagen; viele Gesichter hingegen hatte ich nie zuvor gesehen. Sorgfältig merkte ich mir, wer meinem Blick auswich und wer ihm standhielt. Schließlich trat ich neben Diederich und Konrad. Mein Onkel musterte mich, ohne jene väterliche Umarmung, die er mir sonst gewährt hätte. Der Augenblick dehnte sich wie eine Ewigkeit. Dann verbeugte er sich knapp und nahm seinen Platz hinter mir und den anwesenden Priesterinnen ein – ganz so, wie es seit Jahrzehnten seiner Stellung entsprach.

Stille.

Bis Konrads herrische Stimme – einst mein Stellvertreter, nun zum Weibel degradiert – sie zerschnitt:

»Plauensteiner! Stillgestanden! Der Kommandant und Erbe ist zurückgekehrt!«

Arcturus – verzeiht mir diese persönliche Anrede. Wenn ich heute durch diese Straßen gehe, erkenne ich aufs Neue, was dieser Ort bedeutet, was er für mich ist und wie wichtig es ist, dass er in unserem Kriege Bestand hat. Gefühle erfüllen mich, die keine dieser Zeilen widerzuspiegeln vermag; denn die Feder kann nicht fassen, was mein Herz auszusprechen sucht. Am Totenfeuer Ludewigs sprach ich von der Asche, die den Boden nährt, aus dem dereinst Gutes erwachsen kann. Diese Flamme gilt es nun in Plauenstein zu entzünden. Und ich schwöre Euch: Solange ein von Plauenstein durch diese Straßen wandelt, werden wir alles daransetzen, dass aus ihr neues Leben erwächst.

Ich hoffe daher, die folgenden Zeilen entlocken Euch eher ein Schmunzeln, als dass Ihr sie für Anmaßung haltet.

Gemäß der alten, seit dem Interregnum bewahrten Tradition ersuchen Haus und Stadt Plauenstein darum, dass der rechtmäßige Erbe durch den Markgrafen zu Thalwingen in Amt und Würden bestätigt werde.

In unverbrüchlicher Hochachtung und Treue

Darius von Plauenstein

Eine Geschichte von Marigold

Die Sonne stand bereits tief, als Marigold den letzten Hügel hinabritt und Plauenstein vor ihr auftauchte. Von hier oben konnte sie die gesamte Stadt überblicken. Die drei Mauerringe zeichneten sich deutlich gegen den Abendhimmel ab und gaben der Stadt ihr unverwechselbares Bild.

 

Der älteste und innerste Mauerring lag auf einer leichten Anhöhe und umschloss die Hochburg der Familie von Plauenstein. Dahinter ragten die dunklen Türme der Festung in den Himmel. Sie hatte nie wie ein richtiger Adelssitz gewirkt. Eher wie eine alte Garnison, die irgendwann beschlossen hatte, einen Baron darin wohnen zu lassen.

 

Um diesen ersten Ring zog sich die zweite Mauer, hinter der sich die Garnisonsstadt erstreckte. Noch weiter außen lag die jüngste Mauer, die die wachsende Handelsstadt umschloss. Dahinter begann das Gebiet, das offiziell kaum noch zu Plauenstein gehörte und doch untrennbar mit der Stadt verbunden war: die Slums, die Armenviertel und die Ansammlungen aus Bretterhütten und alten Häusern, in denen diejenigen lebten, die innerhalb der Mauern keinen Platz gefunden hatten.

 

Marigold verlangsamte ihr Pferd und ließ den Blick über die Dächer wandern. Schon aus der Entfernung konnte sie das Leben der Stadt hören. Es war laut, dreckig, überfüllt und viel zu groß für das Tal, in das man es hineingezwängt hatte. Rauch stieg aus Hunderten Schornsteinen auf und hing wie ein grauer Schleier über den Dächern. Vom alten Markt her drang das Rufen der Händler herauf, vermischt mit dem Klappern von Wagenrädern, dem Wiehern von Pferden und dem gelegentlichen Grölen eines betrunkenen Söldners. Plauenstein roch selbst aus der Ferne nach Holzfeuern, Pferden, Abwasser und dem süßlich-schweren Geruch der Brennereien. Wenn der Wind vom Fluss kam, mischte sich noch der Geruch von Fisch und feuchtem Holz darunter.

 

Je weiter sie den Hügel hinabritt, desto deutlicher konnte sie den Vorstadt erkennen. Die Slums lagen wie ein unordentlicher Ring um die eigentliche Stadt. Hier waren die Straßen kaum befestigt, und zwischen den Häusern bildeten sich nach jedem Regen tiefe Schlammlöcher. Manche Häuser waren kaum mehr als zusammengezimmerte Hütten aus Holz und altem Mauerwerk, andere waren aus den Resten ehemaliger Gebäude errichtet worden. Dazwischen standen Wagen, Zelte und Marktstände. Menschen gingen ihren täglichen Geschäften nach, Kinder spielten zwischen den Häusern und Tagelöhner warteten an den Stadttoren darauf, von einem Händler oder Handwerker für den Tag angeheuert zu werden.

 

Die Stadt nannte diesen Ort den Grauen Ring, obwohl viele seiner Bewohner niemals innerhalb der Mauern gelebt hatten. Für Marigold war es eher die andere Seite von Plauenstein. Hier lebten die Armen, ehemalige Soldaten, Schuldner, Flüchtlinge, Diebe und jene, die aus irgendeinem Grund aus der Stadt verbannt worden waren. Wer seine Schulden nicht bezahlen konnte oder bei einem der falschen Plauensteiner in Ungnade fiel, konnte sich glücklich schätzen, wenn er noch vor den Mauern bleiben durfte. Innerhalb der Stadtmauern gab es Ordnung. Außerhalb musste man sich seine eigene schaffen.

 

Marigold kannte den Grauen Ring besser, als ihre Familie ahnte. Als Jugendliche hatte sie oft behauptet, sie würde ausreiten. Manchmal war sie tatsächlich nur ausgeritten. Oft genug war sie aber an den Wachen vorbei in die Vorstadt verschwunden und hatte sich dort herumgetrieben. Sie kannte einige der Händler, die ihre Waren auf Decken vor den Hütten ausbreiteten, und wusste, welche Schenken keine Fragen stellten. Sie kannte die Kinder, die für ein paar Kupferstücke Nachrichten durch die Stadt trugen, und wusste, bei welchem alten Mann man Dinge kaufen konnte, die man besser nicht besaß. Sie hatte hier gelernt, dass Plauenstein außerhalb seiner Mauern nicht weniger organisiert war als innerhalb. Nur die Regeln waren andere.

 

Als sie sich dem äußeren Tor näherte, wurde der Weg voller. Wagen standen dicht an dicht, beladen mit Getreide, Fässern, Stoffen und allerlei Waren. Ein Zollschreiber stritt mit einem Fuhrmann über dessen Ladung, während zwei Wachen gelangweilt danebenstanden. Ein Händler versuchte, die Aufmerksamkeit einer Gruppe Reisender auf sich zu ziehen, und irgendwo schrie eine Frau nach ihrem Kind. Marigold ritt langsam durch das Tor und befand sich damit im äußersten Mauerring. Hier begann die eigentliche Stadt.

 

Die Straßen waren breiter als draußen, aber nicht unbedingt sauberer. Händler standen vor ihren Läden und priesen ihre Waren an. Aus offenen Werkstätten drangen Hammerschläge. Eine Schmiede lag direkt neben einem Bäcker, und der Duft von frischem Brot vermischte sich mit dem Geruch von Kohle, Pferdeschweiß und Gerbereien. Plauenstein roch immer nach irgendetwas. Meistens nach drei Dingen gleichzeitig.

 

Der äußere Ring war der Teil Plauensteins, in dem Handel und Handwerk ineinander übergingen. Die Straßen waren geschäftig, die Häuser standen dicht aneinander und in fast jedem Erdgeschoss befand sich eine Werkstatt oder ein Laden. Zwischen den Häusern hingen Stoffe zum Trocknen, Kinder liefen über die Straßen und Händler versuchten, sich gegenseitig mit ihren Rufen zu übertrumpfen.

 

Plauenstein stellte beinahe alles her, was seine Bewohner benötigten. Besonders stolz war die Stadt allerdings auf ihre Brennereien. Fast jede Familie hatte irgendeine Geschichte über den Plauensteiner Blauen zu erzählen. Der Branntwein war das bekannteste Erzeugnis der Stadt und zugleich eines ihrer wichtigsten Exportgüter.

Im äußeren Ring bekam man beinahe alles, wenn man wusste, wo man suchen musste. Stoffe aus fernen Ländern, Messer aus Viranes, Leder, Schmuck, Werkzeuge und allerlei Dinge, deren Herkunft man besser nicht hinterfragte.

 

Marigold bog nicht sofort zur Hauptstraße ab. Sie nahm eine kleinere Gasse und ritt weiter Richtung Fluss. Je näher sie dem Fluss kam, desto weniger wurde vom geschäftigen Treiben des Marktes zu sehen. Die Häuser wurden zweckmäßiger, die Straßen breiter und schließlich tauchten die Befestigungsanlagen des Flussviertels auf.

Hier herrschte eine andere Atmosphäre. Das Flussviertel war keine Gegend für Müßiggang. Die Plaue war für Plauenstein zu wichtig, um sie sich selbst zu überlassen. An den Anlegestellen lagen Lastkähne, Arbeiter schleppten Kisten aus den Laderäumen und Fuhrleute brachten Waren zu den Lagerhäusern. Zollbeamte kontrollierten Ladungen, während Soldaten an den Zugängen patrouillierten.

 

Das gesamte Viertel stand unter militärischer Kontrolle. Öffentliche Schenken, Spielhäuser und Bordelle suchte man hier vergeblich. Wer im Flussviertel arbeitete, hatte einen Grund dort zu sein. Wer keinen hatte, wurde von den Wachen schnell wieder hinausgeschickt.

Marigolds Blick blieb an dem alten Kontorhaus hängen, und ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Von außen wirkte es unscheinbar, beinahe unsichtbar zwischen den übrigen Handelshäusern des Viertels. Doch der Anblick riss eine längst verdrängte Erinnerung aus der Dunkelheit hervor – eine Erinnerung an eine durchtriebene Nacht und den verborgenen Auktionssaal tief unter seinen Mauern. Für einen Moment meinte sie wieder das gedämpfte Stimmengewirr und die gesichtslosen Masken vor sich zu sehen. Mit einem weiteren Schauer wandte sie den Blick ab und zwang sich, weiterzureiten.

 

Vom Fluss führte die Straße wieder hinauf zum Alten Markt, dem eigentlichen Herzen der äußeren Stadt. Hier liefen die wichtigsten Wege zusammen. Händler aus dem Umland, Soldaten, Handwerker, Adelige, Bettler und Reisende begegneten sich auf engem Raum. In der Mitte des Platzes stand ein alter Brunnen, um den sich Marktstände und Gasthäuser drängten. Eines davon war das Blaue Fass.

 

Schon von weitem konnte Marigold den Geruch des Plauensteiner Blauen wahrnehmen. Sie sah durch die offene Tür des Gasthauses und erkannte mehrere Söldner, die lautstark würfelten. Ein betrunkener Mann versuchte, ein Lied zu singen, während eine Frau am Nachbartisch ihm lachend einen Becher aus der Hand schlug.

Je näher sie dem mittleren Mauerring kam, desto mehr veränderte sich die Stadt. Das geschäftige Durcheinander des Marktes wurde allmählich von einer strengeren Ordnung abgelöst. Die Straßen wurden breiter, die Gebäude größer und überall waren Soldaten zu sehen.

 

Das Tor zur Garnisonsstadt war deutlich stärker bewacht als das äußere. Hinter den Mauern lagen die Kasernen der Plauensteiner, die Waffenlager, die Stallungen, Schmieden und Übungsplätze. Der große Exerzierplatz nahm einen beträchtlichen Teil des Viertels ein. Dort marschierten Rekruten in Reihen, während Ausbilder Befehle brüllten. An den Rändern standen Offiziershäuser und kleinere Gebäude der militärischen Verwaltung.

 

Marigold kannte diesen Teil der Stadt gut genug, um sich hier nicht zu verirren, aber sie fühlte sich nie wirklich wohl. Hier wurde entschieden, wer in der Familie etwas wert war.

Hier hatten ihre Brüder gelernt zu kämpfen. Hier hatten sie sich gegenseitig übertroffen, Konkurrenten verdrängt und sich die Aufmerksamkeit ihres Vaters verdient. Wer als männliches Mitglied der Familie von Plauenstein etwas werden wollte, musste früher oder später hier seinen Wert beweisen. Marigold konnte kämpfen. Sie wusste das. Aber das hatte innerhalb dieser Mauern nie dieselbe Bedeutung gehabt. Sie trieb ihr Pferd weiter.

Ihr Blick wanderte über den Marktbereich rund um den Tempel. Hier herrschte trotz der militärischen Umgebung ein reges Treiben. Söldner kehrten nach ihrem Dienst in ihre Schenken ein, Handwerker boten ihre Waren an und Angehörige verschiedener Plauensteiner Familienzweige gingen ihren Geschäften nach.

 

Doch über allem lag die Präsenz des Hauses Sarephs. Der Tempel gehörte zu den ältesten Gebäuden Plauensteins und war der bedeutendste Sareph-Tempel der Stadt. Über seinem Eingang prangte das Zeichen der roten, geflügelten Schlange. Hinter den Mauern lagen der Schrein, die Gemächer der Priester und Unterrichtsräume. Im Innenhof trainierten Gläubige nicht nur ihre Gebete, sondern auch den Umgang mit Waffen. Marigold hatte nie viel mit dem Tempel zu tun gehabt. Für sie war er lange einfach einer dieser Orte gewesen, an denen ihre Brüder sich herumtrieben.

 

Nicht weit vom Tempel entfernt befand sich der Teil der Stadt, über den niemand offiziell sprach. Streng kontrolliert durch das Haus Sarephs befand sich hier der Schwarzmarkt. Natürlich gab es ihn nicht. Zumindest nicht laut der Stadtverwaltung. Trotzdem wusste jeder, dass man hier Dinge kaufen konnte, die man an keinem gewöhnlichen Markt finden würde. Gestohlene Waren, verbotene Güter, gefälschte Dokumente und Dinge, deren Herkunft besser nicht hinterfragt wurde. Der Schwarzmarkt war kein einzelner Platz, sondern zog sich durch Hinterhöfe, Keller, Lagerhäuser und kleine Läden, deren Besitzer nach außen vollkommen gewöhnliche Händler waren. Marigold kannte einige davon.

 

Der alte Hehler neben dem Lagerhaus. Die Frau mit dem roten Kopftuch, die immer wusste, welcher Händler gerade Ware loswerden wollte. Den einäugigen Fuhrmann, der niemals fragte, was sich in seinen Kisten befand. Und die alte Wirtin, die Marigold schon mehr als einmal aus einer unangenehmen Situation herausgeholt hatte. Marigold hatte hier gelernt, dass ein Lächeln manchmal mehr wert war als ein Schwert. Und dass ein Messer manchmal weniger wert war als ein Name.

 

Sie wusste, wer Schmuggler war, wer nur so tat und wer tatsächlich für die Familie von Plauenstein arbeitete. Sie wusste, bei welchem Händler man Fragen stellen durfte und bei welchem man besser nur bezahlte. Sie hatte hier als Jugendliche mehr über Menschen gelernt als in jedem Unterricht, den ihre Mutter ihr hatte zukommen lassen.

 

Hinter dem Garnisonsviertel erhob sich die innerste Mauer. Sie war die älteste der drei und zugleich die mächtigste. Ihre dunklen Steine waren vom Wetter geglättet, und die Türme wirkten noch immer wie Überreste jener ersten Festung, die einst von den Söldnern an der Plaue errichtet worden war. Dahinter lag die Hochburg. Der Sitz der Familie von Plauenstein. Marigold blickte hinauf.

 

Die Burg war nicht schön. Sie war massiv, schwer und zweckmäßig. Selbst die Gebäude der Familie wirkten eher wie ein Teil der Festungsanlage als wie ein adeliger Wohnsitz. Türme, Mauern und Wehrgänge bestimmten das Bild. Dort oben lebte ihr Vater. Dort lebten ihre Brüder. Dort wurden die Entscheidungen getroffen, die über die Zukunft der Familie und der gesamten Baronie bestimmten. Und irgendwo dort oben befand sich auch Ludewigs Arbeitszimmer. Marigold verspürte einen kurzen Stich in der Brust. Sie zwang sich, den Blick abzuwenden.

Von hier oben konnte sie beinahe die gesamte Stadt sehen. Den innersten Ring mit der Burg. Den mittleren Ring mit seinen Kasernen und Soldaten. Den äußeren Ring mit seinen Märkten, Handwerkern und dicht gedrängten Häusern. Dahinter der Graue Ring, die sich wie ein ungeordneter Schatten um Plauenstein legte. Drei Mauern. Drei Welten. Und doch gehörten sie alle zu derselben Stadt.

 

Marigold fragte sich manchmal, ob die Menschen innerhalb der Mauern überhaupt wussten, wie es draußen aussah. Ob ihr Vater wusste, wie viele Kinder in den Gassen vor der Stadtmauer schliefen. Ob ihre Brüder wussten, wie viele ehemalige Soldaten dort draußen lebten, nachdem Plauenstein sie nicht mehr gebraucht hatte.

Wahrscheinlich nicht. Oder vielleicht wussten sie es sehr genau. Vielleicht war genau das der Sinn der Mauern. Marigold schüttelte den Gedanken ab und ritt weiter. Durch das Tor, hinein in den Schatten der inneren Mauer, zurück in das Haus ihrer Mutter.

Für den Augenblick war sie wieder eine von ihnen. Eine Tochter von Ludewig von Plauenstein. Ein weiteres Kind in einer Familie, die viel zu groß war, um jeden ihrer Namen zu kennen.

 

Sie wusste damals noch nicht, dass sie eines Tages weit entfernt von diesen Mauern stehen und auf Plauenstein zurückblicken würde. Die Mauern, belagert vom Hochstromer Feind. Der Graue Ring liegt dem Erdboden gleich, vereinzelt stehen Gebäude innerhalb der Stadt in Flammen. Und Marigold blickt zurück auf den Ort, der so lange ihr Gefängnis gewesen war. Doch nun steht sie hier – eine Waffe in der Hand, ihre Kameraden an ihrer Seite und die Göttinnen in ihrem Herzen.

Eine Geschichte von Josef

OT-Disclaimer: Dieses Metagame findet zeitlich kurz nach den Ereignissen der Manövercon 9 statt. Die folgenden Infos habt ihr nur OT, außer ihr habt sie explizit IT erhalten. Viel Spaß beim Lesen 😊

 

Es klopfte an der Tür. „Herein“, sagte Josef, der hinter einem großen Schreibtisch saß, Stapel von Papieren und Büchern um sich herum. Die Tür öffnete sich und ein alter Mann in feinen Gewändern betrat den Raum. „Hier sind weitere Bücher, junger Herr“, sagte der Alte. „Danke, Chlodwig, leg sie auf den Tisch, rechter Stapel“, erwiderte Josef und blickte zu dem Mann auf. Chlodwig, der zweite Kämmerer der Stadt Plauenstein, war so alt, dass er eigentlich unmöglich noch am Leben sein konnte. „Auf die Frage, ob die Henne oder das Ei vorher da waren, ist die Antwort immer, dass Chlodwig schon vor Beiden da gewesen sein muss“ hatte Darius mit einem Grinsen gesagt, als er Josef in die Stadtkämmerei führte. Chlodwig war seit einer gefühlten Ewigkeit der zweite Kämmerer der Stadt. Ambitionen auf die Hauptrolle hatte er nie. „Zu lästig, zu viel Aufmerksamkeit“ hatte er abgewunken, als Josef ihn darauf ansprach. Nun, immerhin hatte das dazu geführt, dass Chlodwig einige seiner Vorgesetzten überdauert bzw. überlebt hatte.

 

Niemand wusste so gut über die Bücher und die Versorgungslage in Plauenstein Bescheid wie er. „Diese elenden Halunken und Taugenichtse haben einiges mitgenommen, als sie Hals über Kopf letzte Nacht aus der Stadt geflohen sind“ hatte er geschimpft, als er mit Josef zusammen die Schatz- und dann auch die Vorratskammern der Stadt besichtigt hatte. Darius hatte Josef beauftragt, sich in seiner Rolle als Versorgungsoffizier der ersten Schwinge der Feuerlanze ein so umfassendes Bild über die aktuelle Lage der Stadt zu machen, wie es in der Kürze der Zeit eben ging. Sein Urteil würde letztlich darüber entscheiden – oder zumindest ein deutlicher Indikator sein – welche Güter von den Verbündeten aus Aturien und potenziell Faerun prioritär eingeschifft werden sollten. Eine gewaltige Aufgabe für den jungen Knappen, der sich aber – wie es seine Natur war – ohne Umschweife ans Werk gemacht hatte.

 

„Braucht Ihr sonst noch etwas, junger Herr?“ fragte Chlodwig schließlich, als er die Bücher auf den geheißenen Stapel gelegt hatte. Josef seufzte. Er hatte schon versucht, Chlodwig auszureden, ihn mit „junger Herr“ anzusprechen, aber der Alte war stur wie ein Maulesel. „Vermutlich hat er auch den alten Baron Ludevig so angesprochen“ hatte sich Josef schließlich gedacht und die Anrede hingenommen. „Nein, Danke, Chlodwig, das wäre dann alles“, erwiderte Josef und massierte sich die Schläfen. Die Versorgungslage der Stadt war erstaunlich gut dafür, dass sie sich seit über drei Jahren in einer Belagerung befand und Joaquims Männer wohl nicht gerade für einen asketischen Lebens- und Essensstil bekannt gewesen waren. „Schaut ja erstmal soweit gut aus“ murmelte Josef. Chlodwig, der trotz seines Alters ein erstaunlich gutes Gehör besaß, stimmte ihm prompt zu. „Ja, junger Herr. Das ist alles dem ehemaligen Baron Ludevig zu verdanken. Schon als kleiner Junge war er damals sehr vorausschauend und reif für sein Alter. Er hat dafür gesorgt, dass die Vorratskammern der Stadt kurz vor Beginn dieses abscheulichen Krieges fast bis zum Bersten gefüllt waren. Schade um die Landbevölkerung natürlich, die haben ordentlich geschmachtet, aber so ist’s halt nun mal, junger Herr“ entgegnete Chlodwig, offensichtlich dankbar darüber, einen weiteren Zuhörer gefunden zu haben, den er mit seinem Wissen und seinen Geschichten beglücken konnte. „Ihr müsst wissen, dass Ludevig, mögen die Göttinnen seiner Seele gnädig sein, schon früh nach Kriegsbeginn begonnen hat, die Vorräte stark zu rationieren. Und wenn da nicht die ganzen Schiffsladungen aus Aturien gewesen wären, feine Leute mit prächtigen Schiffen sage ich Euch, dann wären wir schon lange verhungert wie die Maus in der Falle. Das muss der Ludevig von seinem Vater, nein, seinem Großvater gehabt haben. Auch der war schon als kleiner Junge…“ „Danke, Chlodwig, für die Geschichtsstunde. Das wäre dann alles“, versuchte Josef es erneut.

 

Doch Chlodwig ließ sich nicht beirren und hielt dem jungen Knappen fast eine halbe Kerzenlänge einen weiteren Monolog über die Geschichte der Stadt, wem er alles schon gedient hatte, warum Plauensteiner Blauer besser schmeckte als Bier und so weiter und so weiter. „Göttinnen, so rette mich doch jemand. Irgendjemand“, flehte Josef stumm, zu höflich, um den Alten in seinem Wortschwall zu unterbrechen. Wie als hätten die Göttinnen ihn gehört und Erbarmen gezeigt, klopfte es wieder an der Tür. „Herein“, sagte Josef mit einer kaum verborgenen Erleichterung in der Stimme. Ein älterer Soldat betrat den Raum, gehüllt in die Farben und Wappen der Familie zu Plauenstein. „Junger Herr, Hochwohlgeboren Darius von Plauenstein schickt mich, Euch zu ihm zu bringen“, sagte der Soldat. Josef seufzte. „Na gut, ich werde mich ohnehin bald damit abfinden müssen, andauernd als „junger Herr“ bezeichnet zu werden“ dachte er sich und straffte seinen vom Sitzen steif gewordenen Rücken. „Danke, bringt mich doch zu ihm“, entgegnete er dem Soldaten, stand auf und ließ Chlodwig, der immernoch vor sich hinbrabbelte, im Raum zurück. „So schlimm steht’s dann doch nicht um die Stadt“ murmelte Josef vor sich hin, als er dem Soldaten mit schnellen Schritten zum Palast folgte.